Am 1. September wurde der Lokschuppen Marburg zum Treffpunkt für die mittelhessische Startup- und Innovationsszene: Bei der LOVE DISRUPTION ’26 kamen rund 300 Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gründungsszene zusammen. Im Mittelpunkt standen aktuelle Entwicklungen rund um Künstliche Intelligenz, Industrie, Deep Tech, Quantentechnologie und Health Tech. 17 Startups aus den Bereichen Industry und Health Tech nutzten die Veranstaltung, um ihre Ideen und Lösungen vorzustellen und mit etablierten Unternehmen und weiteren Akteuren ins Gespräch zu kommen.
Im Fokus standen die Fragen: Wie wird aus technologischer Innovation konkrete Anwendung? Wie können Startups gemeinsam mit etablierten Unternehmen neue Lösungen entwickeln? Und welche Voraussetzungen braucht es, damit aus guten Ideen erfolgreiche Unternehmen entstehen?
Als einer der Gesellschafter von LOVEDIS waren auch wir bei der Veranstaltung vertreten. Für uns ist LOVEDIS ein wichtiger Baustein des regionalen Innovationsökosystems: Denn gerade außerhalb der großen Metropolen liegt eine besondere Stärke darin, dass eine leistungsfähige Unternehmenslandschaft, Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie eine wachsende Gründungsszene auf engem Raum zusammenkommen.
Wenn Startups auf reale Herausforderungen treffen
Die LOVE DISRUPTION machte sichtbar, was LOVEDIS das ganze Jahr über aufbaut: ein Ökosystem aus Startups, Mittelstand, Wissenschaft und Politik. Im Mittelpunkt standen dabei nicht allein neue Technologien oder gute Geschäftsideen, sondern deren konkrete Anwendung. LOVEDIS bringt Startups und etablierte Unternehmen anhand konkreter Challenges und Anwendungsfälle zusammen und will daraus Pilotprojekte und marktfähige Lösungen entwickeln.
Genau das ist für die Gründungsszene in Mittelhessen von großer Bedeutung. Ein Startup braucht für die Entwicklung und das Wachstum seines Geschäftsmodells nicht nur Kapital, sondern auch Zugang zu Kunden, industriellen Anwendungen, Know-how und Infrastruktur. Umgekehrt stehen etablierte Unternehmen vor der Herausforderung, neue Technologien frühzeitig zu erkennen und für die eigene Transformation nutzbar zu machen.
Die Verbindung beider Seiten kann deshalb ein entscheidender Erfolgsfaktor sein. Mittelhessen bietet dafür gute Voraussetzungen: Die Region verfügt über einen starken, vielfach international tätigen Mittelstand, Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie Unternehmen mit konkreten technologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Formate wie die LOVE DISRUPTION schaffen den Raum, in dem daraus neue Kooperationen entstehen können.
Dass dieser Ansatz praktisch gedacht ist, zeigte sich auch beim Programm der Veranstaltung. Neben Startup-Showcases und kuratiertem Matchmaking wurde der neue Industry Accelerator gestartet. Zehn Startups präsentierten Lösungen insbesondere für Herausforderungen im Wissensmanagement und kamen anschließend mit Industriepartnern zusammen. Gleichzeitig wurden im Rahmen des „The Mission Construction“-Accelerators bereits entstandene Kooperationen zwischen Startups und etablierten Unternehmen vorgestellt.
Damit geht es um mehr als klassisches Networking: Startups erhalten Zugang zu realen Anwendungsfällen und potenziellen Kunden, Unternehmen bekommen Zugang zu neuen Technologien und Geschäftsmodellen. Für ein regionales Startup-Ökosystem ist genau diese Verbindung zwischen Gründung und etablierter Wirtschaft entscheidend.
KI, Deep Tech und Quantentechnologie
Das Programm der LOVE DISRUPTION ’26 war entsprechend vielfältig besetzt. Nach der Eröffnung durch Mara Steinbrenner, CEO von LOVEDIS, gab zunächst Holger Follmann, Startup-Beauftragter des Landes Hessen, einen Einblick in die Start-up-Strategie Hessen 2030 und die Frage, welche konkreten Schritte nun folgen müssen. Dr. Peter Tauber, Unternehmer und ehemaliger CDU-Generalsekretär, widmete sich in seiner Keynote „Be prepared for uncertainty“ dem Umgang mit Unsicherheit und Veränderungen.
Anschließend ging es um zwei zentrale Transformationsthemen der Wirtschaft: Unter dem Titel „No Energy, No AI – No AI, No Energy Transition“ diskutierten Sophia Rödiger von 1KOMMA5° sowie Dr. Steffen Lehmann und Kai Lehmann von C. A. Weber über das Zusammenspiel von Energie und Künstlicher Intelligenz. Am Nachmittag rückte dann die Frage in den Mittelpunkt, ob das KI-Rennen im Mittelstand entschieden werden kann. Den Impuls dazu gab Heiko Brömmelstrote von EnBW.
Mit Gunter Schneider von Schneider Optical Machines stand anschließend ein Unternehmer auf der Bühne, der die Innovationsperspektive aus dem industriellen Mittelstand einbrachte. In seiner Keynote „The Innovation Mindset: Restless by Design“ ging es darum, wie Unternehmen langfristig erfolgreich bleiben und Veränderung aktiv gestalten können. Gemeinsam mit Lena Weirauch von ai-omatic und Prof. Dr. Michael Guckert von der Technischen Hochschule Mittelhessen diskutierte Schneider anschließend über Predictive Maintenance und die Frage, wie sich KI und neue Technologien in konkrete industrielle Anwendungen übersetzen lassen.
Auch Deep Tech und Quantentechnologie waren Teil des Programms. Günter Kraft von Focused Energy sprach darüber, wie es nach einem technologischen Durchbruch weitergeht und welche Herausforderungen auf Deep-Tech-Unternehmen zukommen. Nicolai Walter, CEO und Mitgründer von Pixel Photonics, gab Einblicke in den Stand der Quantentechnologie und mögliche Anwendungsfelder. Gemeinsam mit Dr. Michael Hofstetter von SPRIND und Jovana Walter von Futury Capital wurde anschließend diskutiert, wie wissenschaftliche Innovation tatsächlich den Weg in die Anwendung und in skalierbare Geschäftsmodelle finden kann.
Auf der zweiten Bühne standen außerdem die Perspektive der Investoren und das Wachstum junger Unternehmen im Mittelpunkt. Jovana Walter und Dirk Rudolf von Wunderland Capital diskutierten ihre Investmentthesen für 2026. Im anschließenden Scale-up-Panel berichteten Magdalena Pusch-Wiebach von Framen, Sophia Rödiger von 1KOMMA5° und Clemens Feigl von everwave aus ihrer Erfahrung mit dem Aufbau und Wachstum junger Unternehmen.
Am Nachmittag verlagerte sich der Schwerpunkt auf Health Tech und die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Dr. Johanna Ludwig, Trauma-Chirurgin, Gründerin, Autorin und Führungskraft bei gematik, sprach in ihrer Keynote „Between Fax Machine and AI – How do we transform our Healthcare System?“ über die digitale Transformation des deutschen Gesundheitssystems. Gemeinsam mit Prof. Dr. Sebastian Kuhn vom UKGM ging sie anschließend der Frage nach, welche Rolle Kliniken als Innovationstreiber spielen können.
Sieben Health-Tech-Startups präsentierten ihre Lösungen auf der Bühne. Damit wurde deutlich, welches Potenzial in der Verbindung von Digitalisierung, medizinischer Expertise, Forschung und unternehmerischer Innovation liegt. Für Mittelhessen ist das relevant, weil die Region mit ihrer Hochschul- und Forschungslandschaft sowie starken Unternehmen über wichtige Voraussetzungen für technologiegetriebene Gründungen verfügt. Entscheidend ist, diese Potenziale miteinander zu verbinden und den Weg von der Forschung über die Gründung bis zur Anwendung zu erleichtern.
Mission Life Science
Beim Panel „Mission Life Science“ diskutierten Martina Schneider, Life Science Advisor bei LOVEDIS und CSL, Marco Hofmann und Dr. Lars Robbel von CSL, Prof. Dr. Thomas Nauss, Präsident der Philipps-Universität Marburg, sowie Christian Piterek vom Regionalmanagement Mittelhessen über die Potenziale des Life Science Standorts Mittelhessen:
Christian Piterek stellte den Standort vor und teilte die Erfahrungen des Regionalmanagements zum Netzwerkaufbau. Mittelhessen ist ein starker Life-Science-Standort mit rund 330 Unternehmen (v.a. Medizintechnik sowie Forschung & Entwicklung) und über 38.400 Beschäftigten in Gesundheitsberufen. Zwei Universitäten und eine THM bilden ca. 63.000 Studierende aus; das UKGM ist Deutschlands drittgrößtes Uniklinikum. Seit 2007 flossen über 1 Mrd. € in die Forschungsinfrastruktur (u.a. BSL-4-Labor, Synmikro, Fraunhofer IME). Um das Life Science Innovations-Ökosystem zu stärken, ist es laut Christian Piterek wichtig, Silos innerhalb des Life Science-Sektors Mittelhessen aufzubrechen, z.B. Erhöhung der Sichtbarkeit des Standortes, einfachen Kooperationsplattformen und eine Ort an dem dies zusammenfließen kann.

Der Hub600 ist eine Initiative von Mitarbeitenden von CSL, die einen praxisorientierten Life-Science-Accelerator aufbauen wollen. Kern des Konzepts ist die Verbindung eines voll ausgestatteten S2-Biotech-Labors mit direkter Pharma-Expertise. Dafür greift der Hub600 auf die Infrastruktur des M600-Campus zurück, die nach der Schließung des R&D-Standorts von CSL in Marburg zur Verfügung steht.
- Der Hub600 will einen Beitrag dazu leisten, die sogenannte Series-A-Lücke in der deutschen Biotech-Branche zu schließen. Zwar steht grundsätzlich Kapital zur Verfügung, dieses konzentriert sich jedoch stark auf bereits reifere Unternehmen. Frühen Startups fehlt dagegen häufig der Zugang zu geeigneter Laborinfrastruktur und zur Wachstumsfinanzierung.
- Startups sollen ein sofort nutzbares „Hot-Start“-Labor mit rund 400 Quadratmetern S2-Wetlab und weiteren rund 450 bis 500 Quadratmetern Co-Working-Fläche vorfinden. Hinzu kommen zwei Pharma-Experten, die direkt mit den Gründerinnen und Gründern am Labortisch arbeiten. Dienstleistungen wie Prozessentwicklung, Analytik, CMC/IND-Readiness und FTO-Prüfungen gehören ebenfalls zum Angebot.
- Statt zunächst eigene Laborinfrastruktur aufzubauen, können Startups innerhalb von zwei bis vier Wochen einziehen und mit ihren ersten Experimenten beginnen. Eigene Investitionen in Equipment werden dadurch zunächst nicht erforderlich. Der Ansatz lautet dabei ausdrücklich „No equity, no shared IP“: Der Hub stellt Infrastruktur und Expertise bereit, ohne Unternehmensanteile oder gemeinsames geistiges Eigentum zu verlangen.
- Damit adressiert der Hub600 eine ganz konkrete Hürde für technologiegetriebene Gründungen. Forschungsideen sollen schneller unter realen Bedingungen erprobt, weiterentwickelt und zu einem investierbaren Asset gemacht werden. Im Idealfall entsteht so die Datengrundlage, die ein junges Biotech-Unternehmen für den nächsten Finanzierungsschritt benötigt.
Für Mittelhessen ist der Hub600 damit nicht nur ein einzelnes Accelerator-Projekt. Er zeigt exemplarisch, wie aus vorhandenen Kompetenzen, Infrastruktur und Unternehmenswissen neue Möglichkeiten für Gründerinnen und Gründer entstehen können und wie sich ein etablierter Standort durch neue Nutzungsperspektiven weiterentwickelt.
„Warum Innovation in Mittelhessen Tradition hat“
Einen ganz anderen Blick auf Innovation eröffnete zuvor unser Beitrag „Warum Innovation in Mittelhessen Tradition hat“. Gemeinsam mit Prof. Otto Volk vom Arbeitskreis Industriekultur Mittelhessen zeigte Melanie Meuser anhand konkreter Beispiele, dass Transformation und Disruption für die Region keineswegs neue Phänomene sind. Ausgangspunkt war der Lokschuppen Marburg selbst: Was einst als Bahnbetriebswerk diente und nach seiner Stilllegung dem Verfall überlassen wurde, ist heute ein moderner Veranstaltungsort. Auch die WERKStadt Limburg, das Nationale Automuseum in Ewersbach sowie Unternehmen wie die Isabellenhütte, Roth Industries und Leica stehen für unterschiedliche Formen des Wandels und der kontinuierlichen Weiterentwicklung.

Die Beispiele machten deutlich: Unternehmen und Menschen der Region haben sich immer wieder verändert, neue Technologien und Märkte erschlossen und aus Bestehendem etwas Neues entwickelt. Genau diese Fähigkeit, Wandel aktiv zu gestalten und sich immer wieder neu zu erfinden, ist eine Stärke, auf der Mittelhessen auch heute aufbauen kann.
Innovation braucht ein starkes Ökosystem
Die LOVE DISRUPTION ’26 hat gezeigt, dass Mittelhessen heute über viele der Bausteine verfügt, die ein leistungsfähiges Innovations- und Gründungsökosystem ausmachen: Startups mit neuen Ideen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen mit wissenschaftlicher Expertise, etablierte Unternehmen mit konkreten Herausforderungen und Märkten sowie Netzwerke, die diese Akteure zusammenbringen.
Für uns als Regionalmanagement Mittelhessen ist genau diese Vernetzung eine zentrale Aufgabe. Als einer der Gesellschafter von LOVEDIS unterstützen wir deshalb einen Ansatz, der Innovation nicht isoliert betrachtet, sondern Startups, Mittelstand, Wissenschaft und weitere Akteure der Region miteinander ins Gespräch und möglichst schnell in die gemeinsame Umsetzung bringt. Um aus Ideen, Forschung und unternehmerischem Mut konkrete Lösungen und neue Wertschöpfung für die Region entstehen zu lassen.