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Wirtschaft und Bundespolitik im direkten Austausch

Wie steht es um die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland? Welche politischen Weichenstellungen brauchen Unternehmen jetzt? Und wie kann Vertrauen zwischen Politik und Wirtschaft gestärkt werden? Diese und weitere Fragen standen im Mittelpunkt der Veranstaltung „Netzwerk Wirtschaft trifft Bundespolitik“ am 03.02.2026. Wetterbedingt online anstelle wie geplant in Limburg.

Regionalmanagement Mittelhessen GmbH Gepostet von Regionalmanagement Mittelhessen GmbH in Aktuelles aus dem Regionalmanagement 9 min. Lesezeit

Wirtschaft und Bundespolitik im direkten Austausch

Trotz widriger Wetterbedingungen konnte ein Dialog zwischen Wirtschaft und Politik stattfinden: Aufgrund starken Schneefalls wurde die Veranstaltung „Netzwerk Wirtschaft trifft Bundespolitik“ kurzfristig in ein digitales Format verlegt. Rund 60 Unternehmerinnen und Unternehmer aus Mittelhessen waren zum Event des Netzwerks Wirtschaft angemeldet, um sich mit Bundestagsabgeordneten über die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen auszutauschen. Über die Hälfte konnte spontan online teilnehmen.

Unter der Moderation von Oliver Wintzer, Vorsitzender des Netzwerks Wirtschaft und Geschäftsführer der Eisen-Fischer GmbH & Co. KG, diskutierten die Bundestagsabgeordneten Frederik Bouffier, Johannes Volkmann und kurzfristig Klaus-Peter Willsch (CDU) offen mit Unternehmerinnen und Unternehmern aus Mittelhessen. Die ursprünglich vorgesehene Teilnahme von Dagmar Schmidt (SPD) war leider witterungsbedingt nicht möglich.

Offener Austausch trotz Distanz

Zum Auftakt der Veranstaltung unterstrich Wintzer die Bedeutung eines kontinuierlichen Dialogs zwischen Politik und Wirtschaft. Er fragte die Abgeordneten konkret, warum bekannte Herausforderungen für Wirtschaft und Gesellschaft trotz breitem Problembewusstsein häufig nur schleppend angegangen werden, seien die Lösungen doch oft bekannt.  Die Antwort: Die Welt hat sich kolossal verändert, Prozesse brauchen Zeit und Koalition lebt von Kompromiss. Man kämpfe dafür, dass die Bedingungen besser werden. Im politischen Raum könnten Entscheidungen jedoch nicht so schnell getroffen werden wie in Unternehmen. Klaus-Peter Willsch fasste zusammen, dass erste Erfolge zunehmend sichtbar werden, zum Beispiel bei der Entbürokratisierung. Die Koalition habe zudem bereits über 80 Initiativen und Gesetze auf den Weg gebracht. Jedoch gäbe es einen Zeitversatz, bis diese Arbeit für alle sprübar werde.

Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland

Im ersten Themenblock stand die nationale Wettbewerbsfähigkeit im Mittelpunkt. Aus dem Publikum kam die konkrete Frage, ob das Businesskonzept Deutschland und Europa noch wettbewerbsfähig sei. Diskutiert wurde ebenfalls, weshalb politische Differenzen, insbesondere zwischen den Regierungsparteien, öffentlich ausgetragen werden, anstatt zu schnelleren Lösungen beizutragen. Auch regionale Fragestellungen flossen in die Debatte ein: So wurde thematisiert, inwieweit verschärfte sicherheitspolitische Anforderungen das Stadtmarketing und die Attraktivität von Innenstädten beeinträchtigen. Die zentrale Frage lautete: In welchen Bereichen kann Deutschland heute und künftig echte Innovationsvorteile entwickeln?

Johannes Volkmann verwies diesbezüglich auf zwei zentrale Themenfelder: Zum einen liege eine besondere Stärke in hochspezialisierten Industrieclustern, vom Werkzeug- und Spezialmaschinenbau über die Chemie, darunter seien zahlreiche Weltmarktführer. Gerade in den Bereichen Halbleiter, Chiptechnologie, optische Industrie und hochspezialisierte Anlagen verfüge Deutschland über internationale Spitzenpositionen. Entscheidend sei, diese durch verlässliche Forschungs- und Entwicklungsbedingungen, wettbewerbsfähige Abgabenstrukturen sowie einen besseren Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft langfristig abzusichern. Zum anderen betonte er, dass erfolgreiche Industriepolitik nicht kurzfristig durch staatliche Subventionen oder den Versuch künstlich geschaffener Einzelprojekte entstehen könne. Innovation müsse organisch wachsen, idealerweise im europäischen Verbund.

Die Meinung des Publikums: Wir müssen weg von Einzelmaßnahmen zu einer von echter Vision getriebenen Marschrichtung.

Arbeitsmarkt und Fachkräftesicherung

Ein weiterer Schwerpunkt beleuchtete das Thema Fachkräfte. Hier ging es um die Frage, ob der Fachkräftemangel überwiegend hausgemacht oder langfristig unvermeidbar ist. Auch wurde nach der Rolle von Work-&-Stay-Agencies und deren praktischem Beitrag zur Gewinnung, Integration und langfristigen Bindung qualifizierter Arbeitskräfte gefragt.

Frederik Bouffier betonte, dass die Ursachen für den Mangel sowohl struktureller als auch demografischer Natur seien. Er machte deutlich, dass bislang keiner Bundesregierung der „große Wurf“ gelungen sei. Der demografische Wandel und insbesondere zu langsame und zu fragmentierte Verfahren bei Anwerbung, Prüfung und Erteilung von Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen trügen dazu bei. Qualifizierte Fachkräfte könnten sich in solchen Fällen für andere Zielländer entscheiden. Die Work-&-Stay-Agencies könnten Prozesse bündeln und beschleunigen. Gleichzeitig müssten Anerkennungsverfahren für ausländische Abschlüsse optimaler gestaltet werden – mit dem Anspruch, Qualitätsstandards zu sichern, und der Notwendigkeit, pragmatischer zu werden. Er ergänzte, dass Potenziale stärker genutzt werden müssten, etwa durch reduzierte Anreize zur Frühverrentung und Maßnahmen, die längeres Arbeiten attraktiver machen.

Vertrauen, Planungssicherheit und politische Perspektiven

Im dritten Themenblock rückten Verlässlichkeit und langfristige Orientierung staatlichen Handelns in den Fokus. Einige Unternehmerinnen und Unternehmer machten deutlich, dass Investitionen und strategische Entscheidungen nur dann möglich seien, wenn politische Leitlinien über Legislaturperioden hinaus Bestand haben. Kritisch hinterfragt wurden kurzfristige Kurswechsel sowie öffentlich geführte parteipolitische Auseinandersetzungen, die aus Sicht der Wirtschaft Vertrauen erschweren. Die Abgeordneten ordneten die bisherige Regierungsarbeit nach rund acht Monaten ein: Es brauche die Disziplin, geeinter nach außen aufzutreten. Man müsse in klarer Sprache transparent kommunizieren. „Zeigen sie Bürgerinnen, Bürgern und Unternehmen, dass Entscheidungen in Richtung Vision gehen und in Nachhaltigkeitskonzepte einfließen.“, so Wintzer.

Kontinuierlicher Dialog bleibt unverzichtbar

Das Fazit des Abends: Der Dialog zwischen Politik und Wirtschaft bleibt unverzichtbar, gerade in Zeiten großer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Herausforderungen. Jens Ihle, Geschäftsführer des Regionalmanagement Mittelhessen, hält fest: „Wir hören in vielen Gesprächen mit Unternehmen Herausforderungen, erleben auf der anderen Seite aber auch engagierte Vertreterinnen und Vertreter für unseren Standort. In wirtschaftlichen und in politischen Systemen sollte man übers Gespräch zum Ergebnis kommen: Hier muss Kompromiss geschlossen, Verständnis erhöht und Dialog organisiert werden. Heute konnte die Politik hören, wo der Schuh drückt. Es ist besser miteinander, anstatt übereinander zu reden. Das Regionalmanagement und der Verein Mittelhessen e.V. sind Plattformen für den Dialog von relevanten Kräften zur Entwicklung der Region.“

Über das Netzwerk Wirtschaft:  Das Netzwerk Wirtschaft, eine Institution des Vereins Mittelhessen e.V. unter dem Dach des Regionalmanagement Mittelhessen, ist die Plattform für den Dialog zwischen Unternehmen, Wissenschaft und Politik. Es trifft sich zweimal jährlich, um aktuelle Themen der regionalen Wirtschaft zu diskutieren und Projekte anzustoßen. Ziel ist es, Information, Austausch und Zusammenarbeit zu fördern, um so die wirtschaftliche Stärke und Sichtbarkeit der Region weiter auszubauen.