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Life Science Mittelhessen: Überblick, Chancen und Perspektiven.

Regionalmanagement Mittelhessen GmbH Gepostet von Regionalmanagement Mittelhessen GmbH in Life Sciences News 16 min. Lesezeit

Technische Hochschule Mittelhessen, Anna Schroll

Ein Gastbeitrag von Rolf Obertreis.

Es sind zwei Meldungen aus dem Dezember vergangenen Jahres. Sie zeigen welches Potential in der Life Science Region Mittelhessen steckt. Wissenschaftlern der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) ist es gelungen, Ozonresistente Reissorten zu züchten. Durch den Klimawandel – bedingt durch das Verbrennen von Kohle, Öl, Diesel und Benzin – erhöht sich auch die Konzentration von Ozon. Das schädigt Reisblätter und führt zu Ertragseinbußen des für mehrere hundert Millionen Menschen in Asien wichtigsten Grundnahrungsmittels. Das können die jetzt entwickelten Ozonresistenten Reissorten verhindern.

Eine andere Entwicklung kommt Experten zufolge sogar einer Revolution gleich. Einer Forschungsgruppe der JLU ist es gelungen, erstmals Hexastickstoff herzustellen – das „Molekül des Jahres“. Es ist die energiereichste Substanz, die jemals hergestellt wurde und könnte zu einem bahnbrechenden, umweltfreundlichen Energiespeicher werden.

Es sind die Universitäten in Gießen und Marburg, es ist die Technische Hochschule Mittelhessen (THM), es sind Fraunhofer- und Max-Planck-Institute, es sind Startups, Mittelständler und etablierte Firmen, die die Life Science Szenerie in der Region zwischen Friedberg und Marburg und Limburg und Fulda prägen. Es geht um Grundlagenforschung, um angewandte Forschung etwa zur Entwicklung neuer Medikamente oder zukunftsweisender Therapien, es geht um Bioinformatik, Biomedizin, Umwelt und Lebensmittel. Und um Unternehmerinnen, Unternehmer, die all das in Produkte umsetzen und damit zukunftsweisende Arbeitsplätze schaffen. Das Spektrum reicht von Gesundheitsanwendungen, Medizintechnik, die für Kliniken und Arztpraxen unverzichtbar ist, bis zu optischen Linsen, die etwa in Mikroskopen verbaut werden. Dem Bereich zugerechnet werden in der Region etwa 250 bis 300 Firmen – von Großunternehmen wie dem Pharma-Unternehmen CSL Behring in Marburg bis zu Startups wie etwa Green Elephant Biotech in Gießen. Dort konzentriert man sich auf nachhaltige Systeme zur Zellkultivierung zur Herstellung lebenswichtiger Medikamente und Impfstoffe. Life Science ist auch in der Region eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis, um Probleme der Zeit anzugehen und Lebensbedingungen zu verbessern.

Das Umfeld dazu freilich ist in der aktuellen (welt-)wirtschaftlichen und politischen Lage mehr als herausfordernd. CSL Behring hat nach nur drei Jahren das für 150 Millionen Euro gebaute hochmoderne Forschungs- und Entwicklungszentrum in Marburg Ende 2025 geschlossen, 500 zum Teil hochqualifizierte Experteninnen und Experten haben ihren Job verloren. Auch BioNTech will in Marburg bis 2027 mehr als 300 Stellen streichen. Und das Startup Nexelis schließt das Marburger Werk mit 85 Beschäftigten. Allenthalben ist das Bedauern in der Region groß.

Trotzdem bleiben Life Science-Protagonisten der Region zuversichtlich, wie etwa Professor Gert Bange, Bio-Chemie-Professor und Vize-Präsident der Universität Marburg. „Wir sind in Sachen Life Science trotz dieser Herausforderungen weiter top aufgestellt. Auf der akademischen Seite sieht es sehr, sehr gut aus. Der Standort ist weiter attraktiv und hoch konkurrenzfähig.“ Bange verweist dabei auch die vier neuen 2025 gewürdigten Exzellenz-Cluster der Unis in Gießen und Marburg für Herz-Lungen-, Batterie, Wahrnehmungs-Forschung und für die Bedeutung des Kohlenstoff-Kreislaufs beim Klimaschutz.

Ähnlich sieht es Professorin Wencke Gwozdz, Professorin im Fachbereich Agrarwissenschaften, Ökotrophologie und Umweltmanagement der JLU. „Wir sind in Sachen Life Science in Mittelhessen absolut konkurrenzfähig. Viele Lebenswissenschaften sind hier in der Region gebündelt. Die Hochschulen sind eng vernetzt mit Unternehmen und mit außeruniversitären Forschungsinstituten. Und die Universitäten Gießen und Marburg und die THM stehen in intensivem Austausch.“

Das Potential der Region sei groß, sagen andere Akteure. Wobei einiges noch schlummere. Das untermauert generell auch der jüngste Startup-Monitor des Branchenverbandes. 2025 wurden bundesweit 3.568 Startups gegründet, rund ein Drittel mehr als 2024 – ein neuer Rekord. Im Medizinbereich lag das Plus sogar bei 40 Prozent auf knapp 430 neue Startups. Auch in Hessen ging es um 30 Prozent auf knapp 60 Gründungen nach oben. „Da steckt für die Region noch mehr drin“, sagt Bange.

Die Metastudie Zukunft Deutschland 2050 des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) misst dem Cluster „Gesundheit“ in Deutschland einen hohen Stellenwert zu. Gerade auch Hessen habe eine „gute Spezialisierung“ in diesem Bereich. „Die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren wird als gut wahrgenommen und als Stärke des Standorts beschrieben“. Insider freilich sehen noch Aufholpotential. Grund: Viele der kleineren Unternehmen wüssten nichts von anderen innovativen Firmen in der Region. Durch Kooperationen könnte weiteres Potential gehoben werden. Der VDI ist sich laut der Studie aber sicher, dass weitere internationale Zulieferer für Hessen und damit auch für Mittelhessen gewonnen werden können. Als wichtigen Faktor betrachtet der VDI eine stärkere Unterstützung durch Förderprogramme, etwa im Gesundheitsbereich, in der Verfahrenstechnik, der Digitalisierung und der Automation. Auch Künstliche Intelligenz (KI) wird in Zukunft eine wichtige, wenn nicht sogar entscheidende Rolle spielen (müssen). Gewünscht ist auch eine Stärkung der Startup-Mentalität. Obwohl das Jahr 2025 dort eine höchst erfreuliche Entwicklung zeigt.

Als Schwächen für Hessen und damit auch für die Region betrachtet der VDI insbesondere den Fachkräftemangel. An der THM sei die Zahl der Studierenden 2023/2024 im Vergleich zu 2021 um rund 3.300 oder ein Drittel zurückgegangen. Zudem ringen hessische Städte und damit auch etwa Gießen und Marburg mit Zentren wie München, Berlin oder Hamburg, die für Studierende und Forscher und für Startup-Gründerinnen und Gründer als wesentlich attraktiver angesehen werden. Gwozdz gibt sich weniger skeptisch. „Unsere vier Exzellenzcluster in Gießen und Marburg geben uns hohe Robustheit in Sachen Forschung. Es sind stabile Anker für den Life Science-Standort. Sie sind zudem hochattraktiv für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland.“
 
Das Problem ist ohnehin erkannt. In Marburg wurde, sagt Bange, ein Inkubator auf die Beine gestellt. Dort können potenzielle Startup-Gründerinnen und Gründer in Laboren und Einrichtungen der Uni ihre Ideen testweise in Produkte umsetzen und sie erhalten Unterstützung bei der Aufstellung von Business-Plänen und Hinweise auf Finanzierungsoptionen.

Auch der Startupcampus (StartMiUp) der Universitäten Gießen und Marburg und der THM zielt in diese Richtung. Hier werden zusammen mit dem Forschungscampus Mittelhessen Gründerinnen und Gründer von der ersten Idee bis zur Präsentation vor möglichen Investoren unterstützt. Daraus ist auch der Innovation-Funnel Mittelhessen entstanden. Hier geht es darum, Forschung und Unternehmen etwa über Workshops und Coaching zusammenzubringen, um Innovationen aufzuzeigen und letztlich in Produkte umzusetzen. Generell ist Professorin Gwozdz zuversichtlich. „Bei Startups ist schon erfreulich viel passiert. Aber es gibt immer Luft nach oben. StartMiUp kann sicher noch enger mit der Wirtschaft vernetzt werden.“

Auch Felix Wollenhaupt, Managing Director und Mitgründer von Green Elephant ist trotz der aktuellen Probleme optimistisch. „Der Standort Mittelhessen ist für uns ideal – insbesondere durch das enge Netzwerk aus Universitäten, der THM sowie renommierten Instituten wie Fraunhofer und dem TRON.“ Er erkennt auch keinen Engpass bei Expertinnen und Experten. „Für Hochschulabsolventinnen und -absolventen sowie junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist die Region absolut konkurrenzfähig. Wir sehen keinen Mangel an Bewerberinnen und Bewerbern für Positionen in unserem Unternehmen – im Gegenteil.“ Green Elephant hat gleichwohl auch einen Standort in Berlin – aus nachvollziehbaren Gründen. „Natürlich ist es in großen Startup-Zentren wie Berlin einfacher, Investoren und Geldgeber zu finden, ganz zu schweigen von den USA oder Großbritannien, wo die Kapitalmärkte und die Investitionsbereitschaft deutlich größer sind. Grundsätzlich gibt es aber für gute Ideen mit starken Teams ausreichend Kapital, Auch in Mittelhessen tut sich einiges.“

Aber potenzielle Startups müssen werben. Ein Beispiel: Dem an der THM angesiedelten Projekt AngioDiagnostics fehlen noch 200.000 Euro für weitere Studien und die Entwicklung hin zu einem Medizinprodukt. Dabei könnten durch die dort entwickelte, innovative Messmethode mit rotem Licht zur frühzeitigen Erkennung von Aortenaneurysma, der krankhaften Absackung der Aorta im Bauch- und Brustkorb jährlich in Deutschland 1.000 Menschenleben gerettet werden, sagt Urs Hackstein von AngioDiagnostics. Das sollte Geldgeber überzeugen.

Professorin Gwozdz verweist auf Neugründungen und Gründungsteams der JLU, etwa auf Auralis Medical. Dort kümmern man sich um eine KI-gestützte Implantationshilfe bei Hüftprothesen, auf Sequenta, eine bioinformatische Plattform zur beschleunigten Entdeckung bioaktiver Peptide und der schnelleren Entwicklung neuer Antibiotika oder auf die Prombyx GmbH, das erste von der EU zugelassene Unternehmen für Seidenraupenprotein in Futtermitteln für Haustiere. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Wir erleben jeden Tag, welches Potential in den innovativen Köpfen Mittelhessens steckt. Viele großartige Ideen scheitern nicht am Mut von Gründerinnen und Gründern, sondern an fehlender Finanzierung und Austausch. Genau hier setzt unser Ansatz als regionale Genossenschaftsbank an,“ sagt Lars Witteck, Vorstandssprecher der Volksbank Mittelhessen. Auch die Sparkassen in der Region haben Gründungsfinanzierungen und Startups im Blick.

Die politische Unterstützung durch die Landesregierung und die Kommunen bezeichnen Protagonisten in der Region als sehr gut. Dies sehen nicht alle so, vor allem manche, die einen größeren Überblick haben. Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln – er hat in Gießen studiert und promoviert – hat bei einem Besuch in Gießen Mitte Januar wenig Lob für die Landesregierung in Wiesbaden parat. Was in Hessen mit Kürzungen bei Hochschulen passiere, gebe es in keinem anderen Bundesland. Das Land Hessen handele unverantwortlich. Den Kommunen empfiehlt Hüther passende Gewerbeflächen für Startups vorzuhalten und nicht nur die Absolventen zu feiern.

Die Universitäten sollten die Nähe zu Unternehmen nicht scheuen und ausbauen, um weitere Einnahmen zu generieren. Etwa durch Weiterbildungs- und Forschungsangebote. Unternehmen könnten Laboratorien ausstatten und Hörsäle gefördert werden. In Mittelhessen gebe es so tolle Wissenschaftler und Startups, sagt Hüther. Dafür interessiere sich doch die Wirtschaft.

Über den Autor: Rolf Obertreis

Rolf Obertreis, geboren 1956 in Wiesbaden, prägte über Jahrzehnte als erfahrener Wirtschafts- und Finanzjournalist die deutsche Medienlandschaft. Nach seinem Studium und ersten Stationen bei der Badischen Zeitung und Öko-Test spezialisierte er sich ab 1990 in Frankfurt am Main auf die Berichterstattung über Banken, Börsen und die Geldpolitik der EZB sowie der Bundesbank.

Als Korrespondent für renommierte Medien wie den Tagesspiegel, die Südwest Presse und den Münchner Merkur analysierte er komplexe Zusammenhänge zwischen Finanzmärkten, Industrie und globaler Entwicklungspolitik. In seinen letzten Berufsjahren widmete er sich verstärkt der Nachhaltigkeit in der Finanzindustrie, unter anderem für Tagesspiegel Background, bevor er sich im November 2023 in den Ruhestand verabschiedete.