Auf der Hannover Messe 2026 wurde sichtbar, wie stark Mittelhessen auf dem Feld industrieller Transformation aufgestellt ist. Zwischen etablierten Industriegrößen, digitalen Plattformen und neuen KI-Anwendungen zeigte sich aber auch, wie schnell sich die technologischen Maßstäbe derzeit global verschieben.
Die Messe ist einer der Orte, an denen sich industrielle Zukunft sehr konkret beobachten lässt. Hier geht es nicht um abstrakte Debatten über Transformation, sondern um Technologien und Marktreife sowie die Frage, wer aus neuen Entwicklungen tatsächlich industriellen Nutzen macht. Genau das macht den Reiz eines Messebesuchs aus: Wer durch die Hallen geht, bekommt in kurzer Zeit ein sehr verdichtetes Bild davon, welche Themen die Industrie gerade bewegen und in welche Richtung sich die Produktion der Zukunft entwickeln.
Für TeamMit war der Besuch besonders spannend, weil sich dort einmal mehr zeigte, dass Mittelhessen in zentralen Technologiefeldern nicht nur Zuschauer, sondern vor allem Enabler ist. Auf Einladung von Sebastian Herrmann (Roth Plastic Technology), die in diesem Jahr gemeinsam mit weiteren Unternehmen der Roth Gruppe erstmals auf der Hannover Messe vertreten waren, ging es für Dominic-Klaus Diessner, Projektleiter des TeamMit Transformationsnetzwerkes, nach Hannover.
Auf dem Programm standen Besuche bei mittelhessischen Ausstellern, Gespräche über industrielle Entwicklungen und zahlreiche Eindrücke zu dem Transformationsthema Nr. 1, das die Messe in diesem Jahr besonders stark geprägt hat: Künstliche Intelligenz.
Mittelhessische Stände: Industriekompetenz mit Bandbreite
Ein erster Halt führte zum Stand der Roth Gruppe in Halle 26. In der „Defense Production Area“ präsentierte die Unternehmensgruppe die Kompetenzen im Defence-Bereich und machte damit sichtbar, wie breit das Leistungsspektrum aufgestellt ist, von Kunststofftechnik bis hin zum Sondermaschinenbau. Gerade diese Verbindung aus materialbezogener Kompetenz, industrieller Fertigung und anwendungsnaher Entwicklung zeigt exemplarisch, wie Mittelhessen technologische Fähigkeiten in konkrete Märkte übersetzen kann.
Danach ging es weiter zu einem der größten Messeauftritte überhaupt: dem Stand des Herborner Unternehmens Rittal. Bei einer Standtour wurde getreu dem Firmenmotto „Rittal – Das System“ entlang der gesamten Wertschöpfung geführt: von der Planung über Kabelkonfektionierung und nachhaltige Kühlung bis hin zum Markenkern des Unternehmens, dem Schaltschrank. Deutlich wurde dabei, wie konsequent industrielle Systemlogik und Innovationskraft zusammengeführt werden, wenn Hardware, Software und Prozesse als zusammenhängendes Gesamtsystem gedacht werden.
Ein weiterer Stopp war der Stand der Limburger Firma German Edge Cloud. Dort wurden CEO Dieter Meuser sowie TeamMit-Netzwerkmitglied Gerd Ohl von Limtronik getroffen. Vorgestellt wurde gemeinsam mit Red Hat und dem Fraunhofer CCIT eine durchgängige Daten- und Anwendungsarchitektur, mit der sich Produktionsdaten in Echtzeit verarbeiten, standortübergreifend nutzen und Industrial-AI-Anwendungen skalierbar ausrollen lassen. Also genau eine technologische Grundlage, die in vielen Industrieunternehmen zur Voraussetzung für den nächsten Entwicklungsschritt wird.
Darüber hinaus führte der Rundgang auch zu weiteren Ausstellern mit Sitz in Mittelhessen. Besucht wurden das Softwareunternehmen Asprova aus Wetzlar sowie Elisa Industriq aus Gießen. Auch hier zeigte sich, dass die Region nicht nur in klassischen industriellen Kompetenzen stark ist, sondern ebenso in digitalen Lösungen, Planungssoftware und datenbasierten Anwendungen für moderne Produktionsumgebungen.
KI als Transformationsthema Nr. 1
Neben den Gesprächen mit mittelhessischen Ausstellern stand die inhaltliche Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen auf dem Programm. Besonders im Fokus standen dabei Fragen rund um KI in industriellen Anwendungen und das Konzept der sogenannten Agentic Enterprises.
Informiert hat sich TeamMit dazu unter anderem bei AWS, SAP und Salesforce. Besonders prägnant war in diesem Zusammenhang auch ein Vortrag von Ex-VW-CIO Martin Hofmann unter der Überschrift: „Agentic Transformation – wie anfangen? Wie konsequent umsetzen?“ Das zentrale Learning daraus war klar: Die Technologie ist längst da. Sie ist keine Zukunftsmusik mehr, sondern entwickelt sich gerade zu einem dauerhaften Evergreen, das nicht als kurzfristiges One-Hit-Wonder verschwinden wird.
Dieser Eindruck zog sich durch den gesamten Messebesuch. Es war nahezu unmöglich, unter den über 3.000 Ausstellern einen zu finden, der nicht auf die eine oder andere Weise über KI sprach, KI integrierte oder Anwendungen in diesem Feld entwickelte. KI ist fester Bestandteil industrieller Wertschöpfung – von Datenanalyse über Automatisierung bis hin zu neuen Assistenz- und Entscheidungssystemen.
Gerade im industriellen Umfeld wurde sichtbar, dass Deutschland das Thema KI und insbesondere Industrial AI sehr wohl auf dem Schirm hat. Gleichzeitig bleibt der Eindruck, dass der wirklich bahnbrechende Durchbruch im internationalen Vergleich, etwa gegenüber Teilen Asiens oder Nordamerikas, vielerorts noch aussteht. Häufig bewegen sich Unternehmen noch in Pilotierungen und ersten Entwicklungsstadien, während andere marktreife Lösungen skalieren. So präsentierte Siemens einen humanoiden Roboter der nun erstmals in Erlangener Werk für Logistikaufgaben testweise eingesetzt wird.
Für Mittelhessen lässt sich folgendes Fazit ziehen
Die Region war auf der Hannover Messe 2026 nicht nur punktuell vertreten, sondern entlang unterschiedlicher Wertschöpfungsstufen in Breite und Tiefe präsent. Von großen Industrieakteuren über spezialisierte Mittelständler bis hin zu Software- und Plattformanbietern zeigte sich ein Querschnitt der regionalen Wirtschaftsstruktur. Diese Sichtbarkeit ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer gewachsenen industriellen Substanz, die sich zunehmend auch in Zukunftsfeldern positioniert. Gerade die Kombination aus etablierten Produktionskompetenzen und neuen digitalen Geschäftsmodellen macht Mittelhessen anschlussfähig an die aktuellen Transformationsdynamiken und bildet die Grundlage für skalierbare Innovation und regionale Ökosystembildung.
Gerade im Bereich Industrial AI zeigt sich ein klarer Strukturwandel: Während viele europäische Unternehmen noch stark in Use Cases und Pilotierungen denken, verschieben sich international die Maßstäbe hin zu Plattformökonomien, datengetriebenen Ökosystemen und durchgängigen Architekturen. Technologien wie Edge-Cloud-Infrastrukturen, digitale Zwillinge und KI-gestützte Assistenzsysteme entwickeln sich dabei vom Innovationsprojekt zum industriellen Standard.
Mittelhessen ist beim Thema KI vor allem dort vorne mit dabei, wo technologische Enabler-Kompetenz, industrielle Anwendungserfahrung und praxisnahe Umsetzung zusammenkommen. Gerade weil Industrial AI ein so dynamisches und schnelllebiges Feld ist, bestehen die Chancen, vermeintliche Rückstände wettzumachen und eigene Stärken in Wertschöpfung zu übersetzen.
Es ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe: Einerseits besteht eine sehr gute Ausgangsposition durch hohe Ingenieurskompetenz, starke industrielle Kerne und eine enge Verzahnung zwischen Unternehmen. Andererseits wird entscheidend sein, diese Stärken systematisch weiterzuentwickeln. Dazu gehören vor allem: der Ausbau von Dateninfrastrukturen, die stärkere Vernetzung von Unternehmen untereinander, schnellere Transfermechanismen zwischen Entwicklung und Anwendung sowie der gezielte Aufbau von KI-Kompetenzen in der Breite der Industrie. Nicht nur in einzelnen Leuchtturmprojekten.
Die Messe hat damit ein klares Signal gesendet: Mittelhessen ist Teil der industriellen Transformation und in vielen Bereichen gut positioniert. Der nächste Schritt wird darüber entscheiden, ob die Region ihre Rolle als Enabler behauptet oder aktiv zu einem Taktgeber wird.